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Für Licht ins Dunkle, am 22.08.2008, um 11:42 Uhr.

Die Kunst eher selbst zu sein. Teil1

Sein ist ein Kompromiss.

Jeden Tag, scheint es mir, wird es offensichtlicher, daß man nach dem Leben ohne Lügnerei behaupten könnte, die eigene Existenz wäre bloß ein Mittel zum Zweck gewesen.
Der freie Wille, sofern er nicht wie die Zeit auch eine Erfindung sei, die bedingt durch unsere Entwicklung in Form von abstrakter Auseinandersetzung mit unserer Umwelt nur ein Gedankenspiel ist, das uns hilft, besser mit unserer Umwelt zurechtzukommen, steht langfristig natürlich im Widerspruch zu dem, was wir tatsächlich sind.
Die Suche nach dem Sinn des Lebens, die Frage, ob wir mehr sind, als eine unglaublich komplexe organische Maschine, die Fähigkeit, uns und unsere Umwelt abstrakt gedanklich zu ordnen und darüber zu brüten wirkt sich darauf aus, wie wir die Realität sehen. Unsere Persepektiven, über die wir subjektiv unsere Realitäten definieren geben uns vor, wie wir uns verhalten. Der Kompromiss entsteht, wenn wir für die Erfüllung des einen Wunsches andere Wünsche verwerfen müssen. Das passiert.
Dieser immanente innere Konflikt allein ist bereits der Beweis dafür, daß es unmöglich ist, sich als Mensch zu entfalten. Wir selbst sind das beste Beispiel unserer Paradoxie. Da sich die Erfordernisse für unseren Bestand, die Ansprüche an uns und unsere Körper stets ändern, insbesondere als Produkt verschiedenster Rückkopplungen in der allgemeinen Entwicklung durch Menschen selbst, ist diese Anpassungsfähigkeit eine Eigenschaft, die den Fortbestand unserer Art sichert.
Bestünde der freie Wille bloß darin, Entscheidungen frei zu treffen, wäre das Ergebnis wertlos. Ergebnisse von Entscheidungen, die Grundlos getroffen werden, also frei von Zwängen wie Vorurteilen und damit frei von Miteinbeziehungen vorangegangener Entwicklungen oder zukünftiger Entwicklungen, haben keine Aussage, weil sie stets andere Ergebnisse brächten. Ganz einfach deshalb, weil der freie Wille eine absolute Zufallsfunktion darstellen würde und nichts mehr mit unserer Umgebung zu tun hätte.
Der Wille ist nicht mehr frei, wenn er unter einem Zwang steht. Ein Entscheidungszwang ergibt sich für jeden aus seiner Entwicklung. Entscheidungen werden durch viele Faktoren erzwungen. Zu diesen Faktoren gehören neben Wissen und Erfahrung auch hormonelle Zustände, Gemütslagen, unmittelbare körperliche Zwänge wie Schmerzen, Rauschzustände, Betäubungen, verschiedenste Angstzustände.
Um das ganze auf den Punkt zu bringen: Um eine Entscheidung zu treffen ist irgend eine Art von Parametern nötig.
Ein freier Wille kann keine Parameter liefern. Angenommen er würde Parameter liefern, dann wären dies eindeutig subjektive Parameter, die allerdings bedingt durch die Gestalt des individuellen Subjekts durch seine Umwelt erzwungen wären. Würde er aus dem Vollen schöpfen und quasi alle Parameter zur Verfügung haben, die es gibt (Allwissenheit), dann würde man von absolut objektiven Parametern sprechen. Er müsste all diese Parameter an jedem Punkt der Entwicklung wissen. Er wüsste dann auch wie alle anderen entscheiden, inklusive sich selbst. Der Freie Wille könnte, falls es ihn gebe, überhaupt nur einmal existieren, da ein anderer freier Wille keine Allwissenheit mehr zuliese, weil ein weiterer freier Wille auch an jedem Entwicklungspunkt eine beliebige Entscheidung treffen könnte, die ja nicht vorhersagbar sein darf, weil sie ansonsten nicht frei sondern gegeben sei.
Insofern ist selbst ein einziger freier Wille unmöglich, weil er auch bereits das Ergebnis seiner Entscheidung vorgegeben hätte.
Daher kann man sagen, daß kein Mensch einen freien Willen haben kann, und schon gar nicht mehrere oder alle.
Warum?
Ein Mensch hat nur Zugriff auf subjektive Daten, die Entscheidung wäre dann erzwungen und nicht frei.
Würde seine Entscheidung auf objektiven Daten basieren, also Allwissenheit, wäre seine Entscheidung bereits vorgegeben, also ebenfalls erzwungen.
Würde die Entscheidung weder auf subjektiven, noch auf objektiven Daten basieren, wäre das gar keine Entscheidung, denn eine Funktion, die keine Parameter als Input verarbeitet und zu jedem Punkt in der Entwicklung ein Ergebnis liefert, erzeugt nur Zufallsergebnisse, die irrelevant sind und auch keine Entscheidungen wiederspiegeln.
Es ist zu erwarten, daß diese Funktion, falls es sie gibt, bei keinem Input einfach nur wieder die Frage nach der gleichen Entscheidung ausgibt, also alle Möglichkeiten offenlässt. Sie wäre gänzlich passiv und würde keinen Einfluss auf die weitere Entwicklung nehmen.

Damit wäre geklärt, daß es keinen freien Willen unter Menschen geben kann.
Unsere langfristigen und spontanen Wünsche eines SOLL-Zustandes fußen auf unserem IST-Zustand.
Allein schon die Entscheidung, etwas zu wollen ergibt sich aus unserem IST-Zustand.

Eines ergibt das Andere. Die Entwicklung liegt nicht in unserer Hand. Wir können nichteinmal feststellen, wo sie beginnt und wo sie endet, falls sie dies überhaupt tut. Wir haben schließlich die Zeit erfunden, um uns innerhalb der Entwicklung grob zu orientieren. Es gibt die Zeit gar nicht wirklich. Man kann nicht in die Vergangenheit reisen oder in die Zukunft, weil es sie nicht gibt. Die Entwicklung findet jetzt statt, und hört nie auf. Unser Gefühl für Entwicklung, allgemein als Zeitgefühl bekannt, gibt uns die Fähigkeit, Entscheidungen treffen zu lassen, die auf einer subjektiv erwarteten Auswirkung beruhen.
Wenn man einen Stein fallen lässt, fällt er nach unten.
Wenn - dann. Aus diesem Wenn-Dann-Denken ging vielleicht das Märchen vom freien Willen hervor. Natürlich entscheidet man selbst aus sich heraus, wie man was tut. Aber diese Entscheidung ist nicht frei, obwohl sie subjektiv als frei erscheinen mag.
Ich nenne das lokal freier Wille. Man tut etwas, weil man sich dazu entschieden hat, aufgrund lokaler Parameter, also dem subjektiven IST-Zustand.
Das ist unsere Freiheit. Ein lebenslänglicher Kompromiss.

Ich frage mich selbst beim Schreiben dieser Zeilen, warum ich so genau darüber nachdenke und mich damit auseinandersetze. Mein Leben verläuft verhältnismäßig ruhig. Ich bin sozusagen glücklich, habe alles, was ich brauche und mehr. Dennoch bin ich nicht zu frieden damit. Es ist zweifelsohne komfortabel, keine Frage, aber wenn ich darüber nachdenke, erwachen irgendwo in meinem Inneren Sehnsüchte nach mehr. Damit meine ich sowohl materielle Dinge als auch geistige Dinge. Vor allem geistige Dinge, Wissen, Forschung, Erkenntnis. Ich bin neugierig und möchte wissen, wieso ich hier bin. Die ganzen Menschen mit ihren Wehwechen und Konflikten machen mich schon betroffen, aber ich spüre, daß es irgendwie egal ist. Es gibt wichtigeres, als sich gegenseitig das Leben zur Hölle zu machen. Leider scheint es manchen Menschen nicht zu behagen, wenn jemand extreme Gedanken ausspielt, die jene Basis in frage stellen, auf der die Menschheit herumreitet. Das war schon bei F.Nietzsche und K.Gödel ein Problem.
Oje. Das klingt anmaßend, mich mit diesen beiden Menschen zu vergleichen, aber sie haben mein Weltbild durch ihre Werke maßgeblich geprägt. Deshalb erwähne ich sie hier. Natürlich gibt es noch einige andere sehr prägende Menschen in meinem Leben - schließlich wird man ja durch fast alle Menschen, die man trifft irgendwie geprägt oder gefestigt.

Dadurch, daß das Fehlen des freien Willens in meinem Weltbild gewissermaßen selbst aus meiner wahrgenommenen Realität resultiert, die ich gerne als eine Deterministische bezeichne, schließe ich daraus auf Schuldfreie.
Schuld ist eine weitere Erfindung der Menschheit. Nach Definition ist an einer Entwicklung jenes Glied in der Ereignisreihe schuld, welches die maßgebende Entscheidung traf, die zu dieser Entwicklung geführt hat.
Das können durchaus mehrere Glieder sein. Ereignisketten sind meiner Meinung nach allerdings zu lang, um eine Eindeutigkeit festzustellen. Insbesondere, weil ja meiner Meinung nach kein freier Wille im Spiel ist.

Wenn ein Mensch den anderen schädigt und dies aus lokalem freien Willen tut, dann ist für mich allerdings durchaus verständlich, daß man diesen Menschen verändern muß, weil er in dieser Form einfach eine Gefahr für andere Menschen ist. Insofern gibt es für mich schon eine sogenannte lokale Schuld.
Das ist allerdings auf das Prinzip von Aktion und Reaktion zurückzuführen, das uns innewohnt. Wenn Agieren und Vorbeugen, beispielsweise durch Gesetze oder andere Regelwerke oder Sitten, Menschen vor Untaten nicht bewahrt, muß es eine Reaktion geben, durch die der Zustand stabilisiert wird.
Reaktion Nr.1 von Clemau, am 15.09.2008 um 12:03:25 Uhr
Jo!
Genauso sehe ich das auch!
Reaktion Nr.2 von Saurod, am 13.11.2008 um 17:04:48 Uhr
Die Wurzel des Glaubens
Die liegen bei den meisten Leuten ohnehin nur in der Familientradition. Da ist es nicht weit her mit der eigenständigen Befassung mit den Inhalten des Glaubens.

Die Kirche.
Hmmm.
Ich werde vielleicht zu Weihnachten austreten.

Warum?
Weil die Schokolade im Kalender aus ist.
Deshalb.

′S ist nicht besonders gut mit meinem Leben zu vereinbaren, was geglaubt werden soll. Der ganze Schnickschnack und Zinober der in den Büchern steht, die ein paar Gläubige vor mehreren hundert Jahren eingeschleppt haben geht mir sonstwo vorbei, wenn ich mir in den Sinn rufe, daß der Glauben an und für sich nichts mehr mit einer Gemeinde zu tun hat, weil ohnehin kaum jemand die Zeit findet, all das in Frage zu stellen. Unkritisches Pack!

Ich werde es nicht mehr lange hinnehmen.

Ich glaube an das Nichts und uns selbst. Basta.
PS.: Ich bewundere Martin Luther ob seiner Dreistigkeit.
Und alle, die noch ernsthaft zum Nachdenken kommen.
Reaktion Nr.3 von purzl, am 09.12.2008 um 18:01:46 Uhr
freier wille
ich möcht nicht so weit gehen eine (immer vorhandene) mangelnder kenntnis aller Möglichkeiten mit einem verlust des freien willens gleichzusetzen. dies würde in meinen augen die verantwortung des einzelnen für sich und seine umwelt in frage stellen. wenn ich keinen freien willen habe, also nicht selbst entschieden habe zu handeln, wie ich eben gehandelt habe, so kann mir das handeln auch nicht vorgeworfen werden. diese einstellung erlichtert zwar das leben, beschränkt es aber auch gleichzeitig. häufig (wenn nicht immer) haben sind uns mehr als eine möglichkeit bewust. und zumindest zwischen disen möglichkeiten können wir frei entscheiden.

zumindest sehe ich das so
Helmut
Reaktion Nr.4 von Clemau, am 14.12.2008 um 22:03:18 Uhr
Bewusste AUswahlmöglichkeiten
Ja, natürlich sind uns meistens viele Möglichkeiten bewusst. Diesbezüglich kann man theoretisch von mehreren Entscheidungsmöglichkeiten ausgehen.

Die Frage ist nun weiter, ob man sich tastsächlich frei entscheiden kann, oder ob das Ergebnis des inneren Entscheidungsprozesses eine reine Folge davon ist, welche Erfahrungen der Mensch zuvor gemacht hat, und wie gerade sein Hormonspiegel ist ... bzw. wie sein physischer Zustand ist.
Wenn das Resultat stets eine Folge des physischen Zustands sei, wäre das kein freier Wille, weil die Entscheidung die diesem Zustand folgt immer die gleiche sein würde.

Wenn die Entscheidung nicht immer die gleiche sein würde, wäre es unlogisch, Entscheidungsergebnisse als eine Folge des physischen Zustandes anzusehen.

Dann wäre das ein freier Wille, nach dieser Definition. Allerdings kann ich mir nicht vorstellen, wie man diesen Sachverhalt experimentell beweisen/widerlegen könnte, weil wir kein relevantes Testsystem (z.B. einen Menschen) haben, dessen Zustand wir zurücksetzen können.
Ein flüchtiger Hoffnungsschimmer hiezu könnten körperlich stabile und damit auch hormonell extrem stabile Alzheimerpatienten sein, die vergangene Entscheidungen "spurlos" vergessen können.
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